MenschenrechteWiderstand

Amnesty wirft Iran Zerstörung von Gräbern vor

Gefängnismassaker von 1988

1988 wurden im Iran tausende Oppositionelle ermordet. Statt das Verbrechen aufzuklären habe die Regierung jahrelang Beweise verwischt, kritisiert Amnesty International.

(Photo: Eine Ausstellung zeigt Porträts von Opfern der Massaker von 1988)

Zeit Online – 30. April 2018 – Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International hat dem Iranvorgeworfen, die Gräber von tausenden Opfern der Gefängnismassaker von 1988 beseitigt zu haben. In dem Bericht Criminal cover-up schreibt Amnesty, die iranische Regierung habe die Gräber zwischen 2003 und 2017 zerstört. An ihrer Stelle wurden demnach Straßen, Friedhöfe und Mülldeponien gebaut.

Dadurch habe der Iran wichtige forensische Beweismittel für die Exekutionen vernichtet, heißt es in dem Bericht. Die Menschenrechtlerinnen und Menschenrechtler fordern, die Totenstätten vor weiterer Zerstörung zu sichern, Beweismittel zu sammeln und eine unabhängige Untersuchung vorzunehmen.

“Seit fast 30 Jahren gibt es keine Ermittlungen zu den Massenhinrichtungen von 1988, bei denen etwa 5.000 Menschen ermordet wurden. Die Verantwortlichen wurden nie zur Rechenschaft gezogen”, kritisiert Iran-Experte Dieter Karg von Amnesty Deutschland. Die Zerstörungen, die der Amnesty-Bericht dokumentiere, verhinderten endgültig eine umfassende Untersuchung der Verbrechen und ihre Aufklärung.

Ab Juli 1988 waren auf persönliche Anweisung des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Ruhollah Khomeini im Teheraner Evin-Gefängnis und in anderen Haftanstalten tausende Anhänger der Volksmudschaheddin hingerichtet worden. …

Später wurden nach einer zweiten Anweisung Khomeinis zahlreiche kommunistische Häftlinge hingerichtet. Wie viele Menschen insgesamt getötet wurden, ist unklar. Während Amnesty International von etwa 5.000 ausgeht, schätzte Khomeinis damaliger Stellvertreter, Ajatollah Hossein Ali Montazeri, in seinen Memoiren aus dem Jahr 2000, dass die Zahl zwischen 2.800 und 3.800 liegt. Einige Aktivisten sprechen hingegen sogar von mehr als 30.000 Opfern.

“Das größte Verbrechen in der Islamischen Republik”

Montazeri war der einzige führende Politiker, der gegen die Tötungen protestiert hatte. Es existieren Tonbänder mit dem Ausruf Montazeris: “Das ist das größte Verbrechen in der Islamischen Republik!” Die Anweisungen Khomeinis, die Gefangenen zu töten, machte der Politiker in seinen Memoiren öffentlich. Wegen seiner Kritik fiel Montazeri in Ungnade: Er wurde nicht wie vereinbart der Nachfolger von Khomeini als Revolutionsführer, dem höchsten Amt im Staat und stand bis zu seinem Tod im Jahr 2009 unter Hausarrest.

Akteure, die an den Massenhinrichtungen beteiligt waren, beeinflussen noch heute die iranische Politik. Einer der Figuren, die Montazeri kritisiert hatte, war Ebrahim Raisi. Der Kleriker gehörte als junger Staatsanwalt zu der vierköpfigen Kommission, die damals die Todesurteile verhängte. Vor einem Jahr trat Raisi bei den Präsidentschaftswahlen an. Er war einer der größten Konkurrenten von Hassan Ruhani, der die Wahl schließlich gewann und als Präsident den Iran regiert.

Bis heute hat die iranische Führung die Massaker von 1988 nicht offiziell bestätigt und alle Forderungen nach einer Aufarbeitung der Hinrichtungen ignoriert.

Quelle: https://www.zeit.de/politik/ausland/2018-04/gefaengnismassaker-iran-amnesty-international-cover-up