NWRI- Am Montag, dem 5. Januar 2026, ging der landesweite Aufstand gegen die herrschende Theokratie im Iran in den neunten Tag. Was mit vereinzelten wirtschaftlichen Unzufriedenheiten begann, hat sich rasch zu einer schlagkräftigen politischen Bewegung entwickelt, die den Sturz des Regimes anstrebt. Laut dem Sekretariat des Nationalen Widerstandsrates Iran (NWRI) hat sich der Aufstand mittlerweile auf mindestens 107 Städte im ganzen Land ausgeweitet. Trotz militärischer Repression, Internetsperren und dokumentierter Kriegsverbrechen – insbesondere der Angriffe auf medizinische Einrichtungen in Ilam – scheint die Entschlossenheit der iranischen Bevölkerung zuzunehmen.
Die Dynamik der Proteste hat sich in den letzten Tagen deutlich verändert. Während tagsüber in den Geschäftszentren gestreikt wird, kommt es nachts zu heftigen und flächendeckenden Auseinandersetzungen. Von der Hauptstadt Teheran bis zu den westlichen Provinzen schwindet die Angst sichtbar, da die Bürgerinnen und Bürger von passivem Widerstand zur aktiven Selbstverteidigung gegen die Sicherheitskräfte übergehen.
Der Kampf um Teheran: Wirtschaftszentrum wird zum Kriegsgebiet
Das Regime hat den Großen Basar in Teheran als kritische Bedrohung eingestuft und das historische Wirtschaftszentrum in eine militarisierte Zone umgewandelt. Am Montag bestätigten Berichte einen vollständigen Internetausfall im Basarviertel und den umliegenden Kilometern, verbunden mit massiven Störungen des Mobilfunknetzes, die den Informationsfluss unterbinden sollen.
Die Informationsblockade konnte physische Auseinandersetzungen jedoch nicht verhindern. Im Viertel Cheragh-Bargh kam es zu Zusammenstößen, wo Videoaufnahmen direkte Scharmützel zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften belegten. Auf dem Ahangaran-Markt und in der Kalantari-Gasse verübten Sicherheitskräfte brutale Angriffe auf Ladenbesitzer und Zivilisten. In der Saadi- und der Hafez-Straße setzten die Sicherheitskräfte Tränengas und Gummigeschosse gegen Händler ein, woraufhin sich trotzige Jugendliche mit dem Anzünden von Mülltonnen zur Straßenblockade und zur Behinderung der Polizeifahrzeuge wehrten.
Mit Einbruch der Dunkelheit griffen die Unruhen von den Geschäftsvierteln auf Wohngebiete über. In den Bezirken Narmak (Haft Hoz) und Teheransar trotzten die Bürger den Drohungen eines harten Vorgehens und hielten Kundgebungen ab. In Haft Hoz und Naziabad waren die Rufe eindeutig politischer und existenzieller Natur für das Regime: „Dieses Jahr ist das Jahr des Blutes, Khamenei wird gestürzt werden.“
„Verbrechen gegen die Menschlichkeit“: Die Razzia im Krankenhaus von Ilam
Die Repressionen nahmen in der westlichen Provinz Ilam eine besonders düstere Wendung. Am Sonntag, dem 4. Januar, stürmten Truppen der Revolutionsgarden (IRGC) das Khomeini-Krankenhaus in der Stadt Ilam. Ihr Ziel war die Entführung verletzter Demonstranten, die nach Zusammenstößen in Malekshahi am Vortag ins Krankenhaus eingeliefert worden waren.
Zeugen berichten, dass Sicherheitskräfte in den Krankenhausstationen Tränengas einsetzten – ein Verstoß gegen internationales humanitäres Recht. Medizinisches Personal und Anwohner versuchten, die Sicherheitskräfte am Betreten der Patientenzimmer zu hindern und verriegelten die Türen, um die Verletzten zu schützen. Im Anschluss an die Razzia leitete das Regime eine Welle willkürlicher Massenverhaftungen ein. Allein in der Stadt Ilam wurden am Montag etwa 40 Jugendliche und junge Erwachsene festgenommen, zehn weitere werden vermisst. Dies geschah nach einer koordinierten Razzia in der Nacht zuvor, bei der mindestens 200 Menschen festgenommen und an unbekannte Orte gebracht wurden.
Die designierte Präsidentin des NCRI, Maryam Rajavi, verurteilte den Angriff auf das Krankenhaus als „unverzeihliches Verbrechen“ und als verzweifelten Versuch des Obersten Führers Ali Khamenei, den Aufstand mit „extremer Brutalität“ niederzuschlagen. Sie rief die Jugend der benachbarten Provinzen Lorestan und Kurdistan auf, sich mit Ilam zu solidarisieren.
Eskalation in den Provinzen: Selbstverteidigung und bewaffnete Auseinandersetzungen
Außerhalb der Hauptstadt hat sich der Aufstand durch eine deutliche Eskalation der Auseinandersetzungen weiter verschärft. In den westlichen und zentralen Provinzen greifen die Protestierenden vermehrt zu Selbstverteidigung und direkten Aktionen gegen die Basij-Miliz und die Sicherheitskräfte.
In Sonqor in der Provinz Kermanshah eröffneten Sicherheitskräfte am Montag das Feuer, um Menschenmengen aufzulösen. Berichten zufolge hielten die Demonstranten trotz des Einsatzes scharfer Munition stand und setzten ihren Protest bis spät in die Nacht fort. In Nurabad Mamasani in der Provinz Fars eskalierten Demonstrationen zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit Regierungstruppen; es kam zu gewaltsamen Zusammenstößen auf den Straßen.
Konkrete Beispiele des Widerstands verdeutlichen den Wandel der Stimmung. In Mardabad, Yazd, griffen rebellische Jugendliche einen Stützpunkt der Basij-Miliz an, von dem aus Agenten zur Niederschlagung von Demonstrationen entsandt worden waren. In Sari im Norden Irans griffen Demonstranten Sicherheitskräfte an, die versuchten, einen Demonstranten zu entführen. Sie befreiten den Festgenommenen und zwangen die Sicherheitskräfte zur Flucht.
Universitätsstudenten agieren weiterhin als Vorreiter. An der Universität Birjand demonstrierten Studierende gegen das Konzept der Neutralität und skandierten: „Ich werde den Mörder meines Bruders rächen.“ Ähnlich skandierten Studierende der Tarbiat Modares in Teheran: „Basiji, Revolutionsgarde, ihr seid unser IS“, und zogen damit eine direkte Parallele zwischen dem Sicherheitsapparat des Regimes und der Terrorgruppe.
Soziopolitische Kommunikation: Die Definition des Feindes
Die durch die iranischen Städte hallenden Parolen geben einen deutlichen Einblick in die Beweggründe des Aufstands. Die Proteste gehen weit über konkrete wirtschaftliche Forderungen hinaus und lehnen die ideologischen und strategischen Grundpfeiler des Regimes vollständig ab.
In Sonqor und anderen Städten war immer wieder der Ruf „Weder Gaza noch Libanon, mein Leben für den Iran“ zu hören. Dieser Slogan ist eine direkte Ablehnung der kostspieligen Stellvertreterkriege des Regimes in der Region, die die Bevölkerung als Belastung für die nationalen Ressourcen betrachtet.
Gleichzeitig tritt die durch staatliche Korruption entstandene Klassenspaltung mit erschreckender Deutlichkeit zutage. In Isfahan skandierten Menschenmengen: „Das Volk lebt wie Bettler, der Führer wie ein Gott! “In Yasuj im Südwesten Irans versammelten sich Angehörige inhaftierter Demonstranten vor dem Gouvernement. Ihr Ruf entlarvte die Heuchelei der herrschenden Elite: „Ihre Kinder sind in Kanada, unsere Kinder sitzen im Gefängnis!“, in Anspielung auf die Kinder von Regierungsbeamten, die im Ausland in Luxus leben, während iranische Jugendliche Haft und Tod riskieren.
Internationale Auswirkungen und Schlussfolgerung
Während die Zahl der Todesopfer steigt und das Regime seine Repressionen verschärft, hat die internationale Gemeinschaft begonnen, die Situation zu beobachten. US-Präsident Donald Trump äußerte sich zu dem Vorfall und warnte das iranische Regime, dass es mit schwerwiegenden Konsequenzen seitens der Vereinigten Staaten rechnen müsse, sollte es weiterhin „Menschen töten wie in der Vergangenheit“.
Doch vor Ort hat die Gewaltspirale die Bevölkerung nicht abgeschreckt. Beerdigungen der in den letzten Tagen Getöteten mündeten in Massenproteste. In Kuhdasht skandierte der Trauerzug: „Es ist Zeit für den Krieg. “
Der Aufstand dauert nun schon zehn Tage an und zeigt keinerlei Anzeichen einer Abschwächung. Die Anwendung tödlicher Gewalt durch das Regime – von den Krankenhausfluren bis hin zu den Straßen iranischer Städte – konnte den Willen der Bevölkerung, die offenbar nichts mehr zu verlieren hat, bisher nicht brechen.
