Am 31. Dezember gingen die Proteste in Iran weiter und breiteten sich auf weitere Städte aus. Aus mindestens zwei Städten wurde gemeldet, dass Demonstrierende getötet wurden. Zudem heißt es, mehrere Angehörige der Sicherheitskräfte seien verletzt worden; mindestens zwei Tote auf Seiten der Repressionskräfte wurden berichtet. In einigen Orten sollen Einheiten der Revolutionsgarde (IRGC) in Zivil in die Menge gegangen sein und Aktivisten mit Farbe markiert haben, um sie später gezielt festzunehmen. Das Regime setzt großflächig Tränengas ein. Hier ein kurzer Überblick:
- Foulad Shahr (Provinz Isfahan – Zentraliran): Straßen zeitweise „unter Kontrolle der Bevölkerung“; in Darvazeh Dowlat Zusammenstöße.
- Schiras (Qā’emieh – Südiran): Proteste im Stadtgebiet gemeldet.
- Qazvin (Provinzhauptstadt): Demonstration mit starkem Anteil von Frauen und Jugendlichen.
- Ramhormoz (Khuzestan – Südwestiran): Demonstrierende setzten ein Gebäude der Sicherheitskräfte in Brand.
- Hamedan (Provinzhauptstadt -Westiran): Proteste auf viele Straßen ausgeweitet; Slogan „Tod Khamenei“ verbreitet. Ein Video zeigt, wie zwei junge Männer einem Wasserwerfer und Einheiten standhalten; mit weiterer Beteiligung wurden Kräfte zum Rückzug gezwungen. Teilweise direkter Schusswaffeneinsatz; außerdem wurden Müllcontainer von Stadtverwaltung entfernt, um Brandbarrieren zu verhindern.
- Kuhdasht (Luristan – Westiran): Eskalation bis zu Handgemengen; nach dem Tod eines Demonstrierenden Angriffe auf Repressionskräfte und Fahrzeuge; Auseinandersetzungen bis in die Nacht.
- Dorud (Luristan): Anti-Regime-Proteste mit „Weder Gaza noch Libanon – mein Leben für Iran“.
- Khorramabad: Anti-Regime-Proteste mit vielen Jugendlichen in der Innenstadt.
- Arak – Zentraliran: Tausende demonstrierten in der Jomhouri-Straße.
- Asadabad (Hamedan): Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein und schossen direkt auf Demonstrierende.
- Fasa (Fars – Südiran): Große Demonstration; Menge zog zur Gouverneursverwaltung, riss das Tor ab; Sicherheitskräfte schossen auf Demonstrierende. Reuters veröffentlichte ein vollständiges Video der Schüsse.
- Tabriz (Nordwestiran): Beginn eines Streiks von Ladenbesitzern im Großen Basar (Shahnaz).
- Weitere gemeldete Orte: Dehloran (Ilam), Bagh Malek (Khuzestan), Kermanschah (große Proteste und Zusammenstöße).
- Teheran: Proteste in mehreren Bereichen, u. a. Shadabad (Eisenmarkt).
Hintergrund: Aufstände in Teheran und anderen Städten Irans – Dezember 2025 (kurz)
Ende Dezember 2025, parallel zum drastischen Währungsverfall (Dollar zeitweise bei 1.450.000 Rial / 145.000 Toman), kam es in Teheran zu einer Welle von Ladenschließungen, Streiks und Straßenprotesten – besonders im Basar- und Geschäftsbereich. Händler riefen andere zum Mitmachen auf; die Slogans reichten rasch über wirtschaftliche Forderungen hinaus und wurden deutlich politisch („Tod dem Diktator“, Parolen gegen Khamenei und gegen das System). Am 29. Dezember eskalierte die Lage in zentralen Bereichen Teherans: Sicherheitskräfte griffen u. a. mit Tränengas und Schlagstöcken an; es kam zu teils heftigen Zusammenstößen. In den Folgetagen breiteten sich Proteste und Streiks auf weitere Städte aus (u. a. Maschhad, Karadsch, Hamedan, Schiras, Isfahan, Tabriz). Berichtet wurde auch von Aktionen an Universitäten sowie von Solidaritätsbekundungen der Lkw-Fahrer.
Reaktion des Regimes (kurz):
Nach Angaben aus Kreisen der MEK versetzte das Regime die Revolutionsgarde (IRGC) und weitere Sicherheitsstrukturen in volle Alarmbereitschaft (u. a. Sarallah-Basis; Fatehin-, Ashura- und Basij-Einheiten). In Teheran wurden Einsatzkräfte an zentralen Achsen und rund um den Basar massiert; an einigen Orten gingen Spezialeinheiten mit Tränengas gegen Versammlungen vor. Zusätzlich verschickte die IRGC-Intelligence massive Droh-SMS an Teheraner Bürger mit dem Hinweis, ihre Anwesenheit bei „illegalen Versammlungen“ sei überwacht worden. Regimenahe Stimmen räumten zugleich die Tiefe der Krise ein – mit Verweisen auf historisch niedrige Legitimität, weitreichende Korruption, sowie eine Inflation, die laut Aussagen aus dem Regime-Lager deutlich über 50 % steigen könne.
Positionen der iranischen Widerstandsbewegung (etwas ausführlicher):
Maryam Rajavi, die gewählte Präsidentin des Nationalen Widerstandsrats Iran (NWRI), begrüßte in mehreren Botschaften (28.–30. Dezember) die streikenden Basarhändler und ordnete die Proteste als Ausdruck der Wut breiter Bevölkerungsschichten ein: Währungsabsturz, Inflation, Rezession, Diskriminierung und systematische Korruption hätten das Leben der Mehrheit erschüttert. Rajavi betonte, die Parolen der Protestierenden zielten auf die Wurzel des Problems, das System der Velayat-e Faqih, und benannten zugleich die Lösung: „Widerstand und Aufstand“. Sie rief die Bevölkerung, insbesondere rebellische Jugendliche, zur Solidarität und zur Unterstützung der Proteste auf und sprach von der Notwendigkeit, die Aktionen landesweit zu vernetzen.
Regime-Medien über die Rolle des Widerstands:
Bemerkenswert ist, dass staatsnahe Medien und Sicherheitskreise selbst auf eine politische Dynamik hinwiesen. Die IRGC-nahe Agentur Fars (29. Dezember) berichtete von kleinen „Zellen“ (5–10 Personen) in der Menge mit Parolen jenseits reiner Wirtschaftsfragen und erwähnte Rajavis Aufruf zur „Bildung einer Kette von Protesten“. Ein angeblicher Beamter des Informationsministeriums deutete dies als Versuch, wirtschaftliche Unzufriedenheit in politische Instabilität zu überführen. Ähnlich argumentierten weitere staatsnahe Medien, die vor einer „Instrumentalisierung“ der Proteste warnten.
Manipulation und Fake-Propaganda um Reza Pahlavi
Nach Angaben aus Protestkreisen läuft derzeit eine massive Deepfake-Kampagne im Umfeld von Reza Pahlavi: Mehrere Videoclips von Demonstrationen sollen mithilfe von KI nachbearbeitet worden sein, indem die ursprünglichen Slogans per Voice-over ausgetauscht und durch Parolen zugunsten Reza Pahlavis ersetzt wurden. Kritisiert wird, dass auch westliche Medien vereinzelt auf diese manipulierten Inhalte hereingefallen seien. In den persischsprachigen sozialen Medien häufen sich demnach Kommentare von Iranerinnen und Iranern, die ihre Empörung über diese Vorgehensweise ausdrücken. Ein großer Teil der gefälschten Clips soll von einem persischsprachigen TV-Sender stammen, der aus Saudi-Arabien finanziert wird. Zudem wird berichtet, dass in manchen Fällen Personen, die pro-monarchistische Parolen skandieren, Agenten des Regimes sein könnten – mit dem Ziel, die anti-regime Proteste zu stören und die Menge in Konflikte mit vermeintlichen Monarchie-Anhängern zu treiben.
Nationaler Widerstandsrat Iran (NWRI)
